Was ist mit unseren Rosskastanien
los?
Bereits im Sommer dieses Jahres war das Braunwerden der Blätter
der Gewöhnlichen Rosskastanie (Aesculus hippocastanum)
sehr auffällig. Kaum ein Baum war von diesem Phänomen
verschont. Sah man dann doch mal einen, stellte sich bei genauerem
Hinsehen heraus, dass es sich nicht um die Gewöhnliche
Rosskastanie, sondern um die rotblühende Rote Rosskastanie
handelte (Aesculus x carnea). Diese sehr auffällige
Erscheinung ist nicht etwa auf den Raum Bochum begrenzt, sondern
mittlerweile in ganz Westfalen zu beobachten und außerdem
von Westfalen südostwärts, wo das Problem auch schon
länger bekannt ist und wo es sozusagen auch herkommt.
Jetzt im Herbst fallen die Bäume durch ihren frühzeitigen
Laubfall immer mehr Menschen auf und es gibt häufiger
diesbezügliche Anfragen. Im Fernsehen wurde daher neulich
ein Bericht im WDR gesendet, dass diese Erscheinung zu tun
habe mit dem übermäßig feuchten Sommer 2002.
Dies ist nicht der Fall!
Es handelt sich dagegen um den Befall der Bäume durch
die Rosskastanien-Miniermotte (Cameraria ohridella
Deschka & Dimic), was man an den von Minen durchzogenen
Blättern erkennen kann. Die Raupen des nur etwa 5 mm
große Kleinschmetterlings leben in den Blättern
und ernähren sich vom Mesophyll. Nach 12 bis 16 Tagen
verpuppen sie sich und verlassen dann nach dem Schlüpfen
das Blatt. Anschließend halten sie sich häufig
unter der Borke des Stammes versteckt, wo man sie durch Klopfen
auf den Stamm hervorscheuchen kann. Bei uns erscheinen zwei
bis drei Generationen pro Jahr. Die Puppen der letzten (September-)
Generation überwintern in den heruntergefallenen Blättern.
Bei dieser Motten-Art handelt es sich um einen interessanten
Fall. Sie wurde erst 1985 in Mazedonien entdeckt und war bis
dahin der Wissenschaft unbekannt. Sie wurde 1986 neu beschrieben.
Die Theorien über die Herkunft dieser Miniermotte schwanken
zwischen Eiszeitrelikt, welches sich in den Gebirgen des Balkans
hat halten können, bis hin zu einer Einschleppung aus
Amerika. Sehr schnell nach dem Bekanntwerden der Art kam es
zu einer Expansion nach Westen (Näheres vgl. Literaturverzeichnis).
In den letzten Jahren kommt es auch in Deutschland vermehrt
zum Befall von Rosskastanien, seit Ende der 1990er Jahre hat
die Rosskastanienminiermotte auch Westfalen erreicht. Die
großen Schäden in Parks und an Kastanienalleen
führen mittlerweile zu großer Besorgnis, da ein
mehrjähriger Befall durch die Motte zum teilweisen Absterben
der Bäume führen kann. Wie sich die Bäume nach
langjährigem Befall bei uns verhalten werden, bleibt
noch abzuwarten. Teilweise wird heute versucht, den Befall
durch das Verbrennen des Herbstlaubes zu bekämpfen, doch
scheint dies vor dem Hintergrund der mittlerweile flächendeckenden
Befalls des Landes aussichtslos zu sein. Wie schon erwähnt,
befällt die Motte fast auschließlich die Gewöhnliche
Rosskastanie, wurde aber in seltenen Einzelfällen auch
am Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus) und am Walnussbaum
(Juglans regia) gefunden.
weitere
Infos
Literatur
BUSSMANN, M., FELDMANN, R., REHAGE, H.-O. & TERLUTTER,
H. 2002: Die Roßkastanien-Miniermotte (Cameraria
ohridella Deschka & Dimic 1986) (Lepidoptera: Gacillariidae)
in Westfalen: Einwanderung, Ausbreitung und Bestand. - Natur
& Heimat (Münster) 62(2): 33-39
BUTIN, H. & FÜHRER, E. 1994: Die Kastanien-Miniermotte
(Cameraria ohridella Deschka & Dimic), ein neuer Schädling
an Aesculus hippocastanum. - Nachrichtenbl. Deutsch.
Pflanzenschutzd. 46(5): 89-91.
HEITLAND, W., KOPELKE, J.-P., FREISE, J. & METZGER, J.
1999: Ein Kleinschmetterling erobert Europa - Die Roßkastanien-Miniermotte
Cameraria ohridella. - Natur & Museum 129(6): 186-195.
SCHULZE, W. 2000: Die Roß-Kastanien-Miniermotte Cameraria
ohridella Deschka & Dimic, 1986 - Hinweise und Aufruf
zur Mitarbeit (Lep. Lithocolletidae). - Mitt. Arbeitsgem.
ostwestfäl.-lipp. Entomol. 16(3): 71-73.
Baum
des Jahres 2005
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