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Botanischer Garten » Pflanzenporträt » Atropa belladonna, Wirkung

 

 

Schilderungen zur Wirkung der Tollkirsche

aus: "Vollständiges Giftbuch oder Unterricht, die Giftpflanzen, Giftminerale und Giftthiere kennen zu lernen und Gesundheit und Leben gegen Vergiftungs-Gefahren sicher zu stellen". 5. Aufl., Weimar, 1840
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Pflanzenporträt

 

" (...) Die Pflanze verbreitet in allen ihren Theilen einen widrigen betäubenden Geruch, der schon an und für sich im Stand ist, schläfrig, dämisch, dumm, ja sogar wahnsinnig zu machen. Der Genuß aber verursacht Schwindel, Lähmung der Zunge und Glieder, Schlafsucht, Schmerzen im Unterleibe, Kopfweh, Speichelfluß, zuweilen die fürchterlichste Wuth und endlich einen schrecklichen Tod. Die Leichen schwellen stark auf und gehen schnell in Fäulniß über. (...)

Ein Hirt im Schwarzenwalde fiel, verleitet durch die schwüle Hitze der Sommertage, auf den unglücklichen Gedanken, seinen Durst mit glänzenden schwarzen Beeren zu stillen, die er für Kirschen hielt. Es waren die Beeren der Belladonna. Nicht damit zufrieden, daß er seinen Magen schon im Walde mit diesen Kirschen angefüllt hatte, brachte er auch noch einen ganzen fruchttragenden Zweig davon mit sich nach Hause. Kaum war er zu Bette, so ward er unruhig, und fing an, irre zu reden. Seine Frau gab ihm sogleich Branntwein ein; aber bald nachher brach ein Schauer über ihn aus; der Unglückliche sprang rasend aus dem Bette, verfiel in Zuckungen, die ihn fürchterlich angriffen. Als die Zuckungen nachließen, wurde er ganz betäubt und sinnlos und starb in diesem Zustande.
Zwölf Stunden nach seinem Tode wurde der Leichnam gerichtlich besichtigt und schon da hatte die Fäulniß so überhand genommen, daß vor dem unerträglichen Gestanke weder Wundarzt noch andere Zeugen zugegen bleiben wollten. Aus dem Munde, der Nase und den Augen strömte unaufhörlich schaumiges Blut; der ganze Körper war erstaunlich aufgetrieben; der Unterleid war so hart wie ein Stein anzufühlen und als man ihn öffnete sprang ein schaumiges stinkendes Wasser heraus, das alle Messer angriff. Das Gesicht, die Brust, der Unterleib, der Rücken, die Glieder waren dicht mit breiten schwarzblauen Blattern besetzt. In dem Zwölffingerdarme wurde man hin und wieder blauliche Flecken gewahr; Milz und Leber waren ganz bröcklich und verfault; das Gehirn war roth und ganz von Fäulniß ergriffen; es strotzte in allen seinen Gefäßen vom Blute.

Vier Kinder hatten zusammen Belladonnabeeren gegessen. Eine halbe Stunde nach dem Genusse wurden sie wie berauscht; sie fingen an zu tafeln, empfanden einien heftigen Durst und Neigung zum Erbrechen. Endlich fielen sie in Wuth, knirschten mit den Zähnen und bekamen Zuckungen. Das Auge starrte; das ganze Gesicht wurde braunroth und schwoll an. Sie konnten die Kinnladen nicht bewegen und auch nicht schlucken. - Mit vieler Mühe brachte man ihnen ein Brechmittel bei, daß aber nicht wirkte. Endlich erfolgte durch den Reiz einer in Oel getauchten Feder ein wohlthätiges Erbrechen, das durch Brechmittel unterhalten wurde. Zwischendruch tranken die Kinder Wasser mit Essig und Honig vermischt. Hierauf ließ die Raserei nach; an die Stelle derselben trat nun ein tiefer Schlaf, mit Sehnenhüpfen und Gesichtsblässe. Die Hände wurden kalt, der Puls klein, hart und schnell. Man brachte jetzt den unglücklichen Kindern Klystire von Kamillen, Essig, Honig nd Salz bei, wodurch eine Menge von den Tollbeeren, welche die Kinder verschluckt hatten, abgeführt wurden und dabei ließ man den Kindern, so oft sie dazu gebracht werden konnten, von dem Essigwasser trinken. Dadurch und durch eine Abführung, welche man auch noch beibrachte, kamen die in höchster Lebensgefahr schwebenden Kinder endlich nach langem schweren Kampf am dritten Tage wieder zu sich, sie behielten aber noch eine geraume Zeit lang eine Augenschwäche und konnten nicht mehr so gut, wie vorher sehen.

Ein dreijähriger Knabe zu A., welcher von seiner unwissenden Mutter mit in den Wald genommen worden war, aß eine große Menge Tollkirschen die eben an dem Platze standen, wo er sich bestand. Erst nach vier und zwanzig Stunden wurde er zu dem Arzte gebracht. Er starb unter den schauderhaften Krämpfen, die seine Glieder halb hin und her zogen, ihn bald zur Erde warfen, bald das Gesicht zum Grinsen verzogen, bald den ganzen Körper in Erstarrung versetzten. Kaum war er todt, so mußte der Leichnam wegen der schnell und stark eintretenden Fäulniß geschwind beerdigt werden. Noch ehe er starb, wurde der äußerst aufgetriebene Unterleid schwarz und brandig.

Erst vor einigen Jahren ereignete sich in der Nähe von Biberach im Württembergischen ein neuer Unglücksfall durch den Genuß von Tollkirschen. Am 5. September 1824 nämlich verzehrten die sechs Kinder des Bauern Ege und des Meßners Geray von Rüssegg der Tollkirsche, welche am folgenden Morgen eine so furchtbare Wirkung hervorbrachten, daß ein dreijähriger Knabe in 13 Stunden nach dem Genusse der Beeren und ein vierjähriges Mädchen 8 Stunden später ihr Leben unter heftigen Konvulsionen, Reiz zum Erbrechen, Schmerz im Unterleide und gänzlicher Unmöglichkeit des Schlungens endeten. Bei den vier älteren Kindern waren zwar schon Zeichen des Wahnsinns eingetreten, aber durch die fleißige Anwendung innerlich und äußerlich gebrauchter Mittel wurden sie noch vom Tode gerettet. (...)"

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Letzte Änderung: 18.07.2003 | Ansprechpartner: Armin Jagel